Freitag, Oktober 26, 2007

Der Teufel mit der weißen Weste

Es ist Nacht. Eine zwielichtige Person arbeitet sich im Schutz der Finsternis voran. Das spärliche Licht gibt nur wenige Details preis. Der Mann trägt Trenchcoat und Schlapphut. Anhand seines zügigen Ganges erkennt man, dass er etwas im Schilde zu führen scheint. Schon bald hat er sein Ziel erreicht. Der kurze, hastige und zweifelnde Blick in den Spiegel offenbart sein Gesicht, bevor er, einen unheilvollen und an Murnaus Nosferatu erinnernden Schatten werfend, die Treppen emporsteigt. Im Obergeschoss trifft er auf eine weitere Person, man scheint sich zu kennen, die Stimmung wirkt gelockerter. Doch dann, ein Schuss fällt, der Hausbesitzer sackt zusammen und reißt eine Lampe mit sich, die nun von links nach rechts schwingt und ein schauriges Spiel von Licht und Schatten, von Gut und Böse, auslöst. Gegensätze, die eine Symbiose eingehen und deren Grenzen fließend sind.

Wüsste man es nicht genauer, so könnte man meinen, man habe es mit einem Vertreter aus Hollywoods schwarzer Ära zu tun. Jene Filme, die in Massen in den 40er und 50er Jahren produziert wurden und besonders durch ihr düsteres, nihilistisches Weltbild für Aufsehen gesorgt haben. Die Rede ist vom sog. Film Noir. Auch Der Teufel mit der weißen Weste scheint jene Kriterien zu erfüllen, die dieses (Sub)-Genre ausmachen, wenngleich man bei genauerer Betrachtung schnell feststellt, dass er zur falschen Zeit am falschen Ort produziert wurde. Während im Frankreich der 60er Jahre die Nouvelle Vague Triumphe feierte, orientierte sich ein Regisseur stark am klassischen amerikanischen Film. Die Rede ist von Jean-Pierre Melville, der auch für diesen Film federführend war und der mit seinem Stil fast schon wie ein Fremdkörper wirkt.

Der Teufel mit der weißen Weste, das ist ein Film über Vertrauen und Verrat, über Neubeginn und Scheitern, ein doppelbödiges Spiel, das den Zuschauer lange Zeit im Dunkel lässt und ihn am Ende mit einem Schlag in die Magengrube aus dem Kinosaal entlässt. Erzählt wird die Geschichte von Maurice Faugel (Serge Reggiani), der nach einer, aus seiner Sicht ungerechtfertigten, mehrjährigen Haftstrafe wegen Diebstahls wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Die Exposition beginnt dann so, wie von mir eingangs erwähnt. Eine Erklärung für die Tat Faugels bekommen wir jedoch nicht. Doch damit nicht genug, werden im „Vorbeigehen“ noch weitere Personen, die vor dem Haus des älteren Mannes warten, in Szene gesetzt, zu deren Bedeutung sich Melville erst wesentlich später äußern wird.

Der Film beginnt also schon einmal mit einem Paukenschlag, kühl und ruhig inszeniert und man kann sich die fragenden Blicke des Publikums bildlich vorstellen. Damit nicht genug, wird die Geschichte schnell weitererzählt und die zweite Hauptperson eingeführt: Silien, fantastisch vorgetragen von Jean-Paul Belmondo. Man erfährt dann recht zügig, dass Faugel noch einmal ein krummes Ding drehen will und Silien als Mittelsmann und Lieferant für Spezialwerkzeug dient. Melville wäre jedoch nicht Melville, wenn er nicht noch ein Ass im Ärmel hätte. In einer Parallelmontage zeigt er uns Siliens vermeintliches Gesicht: Während Faugel und ein Freund in eine Villa einbrechen, ruft Silien bei einem Polizeiinspektor an und verrät scheinbar seinen Bekannten, da wenig später die Polizei am Tatort eintrifft.

Durch diese wenigen Szenen hat Melville den Grundstein für die restliche Entwicklung seines Filmes gelegt. Der Zuschauer ist nun endgültig auf verlorenem Posten, da er, wie Faugel auch, komplett den Überblick verloren hat, wem er noch vertrauen kann. Aus dieser Konstellation generiert Der Teufel mit der weißen Weste einen Großteil seiner Spannung. Niemand der Akteure kann sich sicher sein, dass sein Gegenüber nicht doch etwas im Schilde führt. Angesichts dieser Ausgangssituation ist die Lage für alle Beteiligten prekär, zumal das Dickicht der Story noch längst nicht ausgebreitet wurde. Je länger der Film läuft, desto mehr Personen betreten die Bühne, immer weitere Verstrickungen werden ans Tageslicht befördert und selbst die simple Unterscheidung zwischen Polizei und Gangstern wird zu einem komplexen Akt, da auch hier die Linien fließend sind und Melville keineswegs bereit ist, klar Stellung zu beziehen. So kommt das ruppige, ja schon fast gewalttätige Auftreten der Polizisten schon fast dem der Gangster gleich und durch die Auflösung, wer der eigentliche Spitzel sei, wird die archetypische Rollenverteilung sowieso ad absurdum geführt.

Doch es ist nicht nur diese omnipräsente Unsicherheit, die fließenden Übergänge zwischen den guten und bösen Jungs, die Melville hier thematisiert, sondern auch Sehnsüchte, welche im Film eine große Rolle spielen. So ist es vor allem bei Silien und Fabienne der große Wunsch des gemeinsamen Neuanfanges, der die beiden vorantreibt und als Katalysator für ihre Taten wirkt: Noch einmal der große Coup und dann wird das alte Leben aufgegeben. Ähnliche Tendenzen kann man auch bei Faugel feststellen, doch das Ende beweist allen Protagonisten, dass es kein Entkommen für Jene gibt, „die mit dem Teufel im Bunde waren“. Der Vergangenheit wird Tribut gezollt werden und untermalt von Paul Misraskis äußerst atmosphärischem Jazz-Soundtrack, zeigt sich die zynische Fratze Melvilles, der mit dem grande finale von Der Teufel mit der weißen Weste jeglichen Anflug Hoffnung im Keim erstickt, ganz in der Tradition Wilders, Hustons oder Premingers.

Angesichts der Kollegen der Nouvelle Vague kann man hier schon fast von einem „altbackenen“ Film reden, der optisch wie auch inhaltlich kaum von seinen amerikanischen Vorfahren zu unterscheiden. Melville führt die Tradition des Film Noir konsequent weiter und so ist Der Teufel mit der weißen Weste vor allem den Fans dieser Stilrichtung ans Herz zu legen. Auch Quereinsteiger dürften jedoch angesichts der dichten und atmosphärischen Narration schnell in den Bann des Filmes gezogen werden und Melville bestätigt mit diesem Werk eindeutig seine Reputation als einen der besten Regisseure Frankreichs. 09/10

Kommentare:

Jay hat gesagt…

Da ich heute inner Uni gelernt haben, wie man (richtig)Feedback gibt, betrachte ich dich mal als Versuchskaninchen:
Ich bin erstaunt, wie es dir gelingt, mit jeder weiteren Review qualitativ noch eins draufzusetzen. Dein Text liest sich äußerst leger und angenehm und ist auch inhaltlich sehr gelungen! Respekt, ich werde aber trotzdem versuchen, mit meinem nächsten Text nachzuziehen!;) *gg*

Frankies Filmecke hat gesagt…

Danke für die Blumen. Das Geld überweise ich dir dann, nach meiner nächsten Review. ;)