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Sonntag, November 08, 2009

Yojimbo - Der Leibwächter


Akira Kurosawa gehört zu jenen legendären Regisseuren, die der Filmgeschichte unweigerlich ihren Stempel aufgedrückt haben. So diente er auch als unfreiwilliger Geburtshelfer des Italo-Westerns, indem er einen gewissen Sergio Leone im fernen Italien so sehr beeindruckte, dass dieser sich aufmachte, jenen Kurosawa-Film zu adaptieren. Die Rede ist natürlich von Yojimbo – Der Leibwächter, der 1961 weltweit in die Kinos kam.

Die Story an sich ist so simpel wie genial: Ein einsamer Samurai (Toshirō Mifune) trifft bei seinem Streifzug durch die Lande auf ein sehr spezielles Dorf, welches von zwei Gangsterbanden kontrolliert wird und der Ort infolgedessen in zwei Lager gespalten ist. Nachdem der Rōnin die Lage erkannt hat, entscheidet er sich, sich erst einmal niederzulassen, um die beiden Banden gegeneinander auszuspielen, sodass sie sich gegenseitig auslöschen. So bietet er seine Dienste zuerst der einen Seite an, um danach der anderen Seite zu helfen. Doch sein Spiel wird durchschaut, u.a. auch deshalb, weil mit Unosuke, dem Bruder eines der Bandenführer, jemand in die Stadt zurückkommt, der dem Fremdling nicht ganz traut. Doch auch Folter und Schläge brechen den Rōnin nicht und mit Hilfe einiger aufrechter Dorfbewohner, kann er sich befreien und den Ort verlassen, um wenig später sein Werk zu beenden.

Schon eine der ersten Einstellungen des Films, als der Rōnin zum ersten Mal in das Dorf kommt und von einem streunenden Hund begrüßt wird, der eine abgetrennte Hand im Maul hält, gibt den Grundton des Films vor und fürwahr, Pessimismus und Zynismus gehören zu den wichtigen Ingredienzien von Yojimbo – Der Leibwächter. War es drei Jahre später Clint Eastwood, der den listigen Antihelden gab, ist es hier Toshirō Mifune, der sich der pervertierten Dorfgesellschaft stellt und dabei seine aufrechten Tugenden genauso präsentiert, wie Zynismus und Gewaltbereitschaft. Während uns Kurosawa die aus den Fugen geratene Dorfgesellschaft präsentiert, greift er bei der Inszenierung durchaus auf bekannte Motive aus dem Westerngenre zurück, denn sowohl der druckvolle und atmosphärische Score wie auch so manche Einstellung erinnern an jene Motive und irgendwie schließt sich damit jener Kreis, der eingangs kurz angerissen wurde. Wie dem auch sei, hat Kurosawa nicht nur einen unterhaltsamen Actionfilm mit einem stilprägenden Helden erschaffen, sondern auch eine interessante Studie zu Macht und Borniertheit abgeliefert. 09/10


Auch dieser Post entstammt meinem Thread im Schnittberichte-Forum, wo ich wöchentlich einen "Klassiker" meiner Wahl vorstelle: Hier klicken!

Sonntag, November 30, 2008

Berlin - Die Sinfonie der Großstadt

Aus aktuellem Anlass, da ich den Film gerade heute wieder einmal gesehen habe, veröffentliche ich an dieser Stelle noch einmal meine Kritik, die ich vor über drei Jahren für die ofdb verfasst habe.


Großstädte versprühen einen gewissen Charme, sei es durch ihre Betriebsamkeit, die Anonymität oder das Vorhandensein verschiedenster Kulturen. Oftmals sind sie die heimlichen Stars in vielen großen Produktionen. Doch schon 1927 stand eine Stadt im Mittelpunkt eines Filmes: „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ von Walter Ruttmann. Es ist eine Dokumentation über einen Tag aus dem Berlin der Dreißiger Jahre, seine Glanz – und Schattenseiten.

Der Film beginnt mit einer Zugfahrt. In einer wunderbaren Sequenz aus schnellen Schnitten, nähern wir uns dem morgendlichen Berlin. An uns vorbei fliegen Felder, Häuser und Strommasten. Die Stadt schläft noch, als der Zug im Anhalter Bahnhof ankommt. Es ist 5 Uhr morgens. Die Kamera streift durch leere Straßen und zeigt eine verborgene Schönheit, eine Unschuld, wie man sie im Verlauf des Filmes nicht mehr zu sehen bekommen wird. Nur eine Katze und ein Schutzmann sind auf den Beinen, als die Stadt langsam erwacht und die ersten Personen auf die Straßen strömen. Schon bald ist aus den wenigen Menschen eine Masse geworden, welche sich auf den Bahnsteigen tummelt und ihre Arbeit beginnt. Die Stadt hat zu Leben begonnen. Wie wild fahren nun die Züge und Busse durch die Gegend. Sie sind das System, das Alles am Laufen hält und werden den ganzen Film lang auftauchen. Weitere wunderbar geschnittene Passagen schließen sich an, als mehrere Tore geöffnet werden und nahtlos ineinander fließen. Detailgetreue Ansichten von Maschinen gewähren einen, besonders aus unserer Sicht, nahezu einmaligen und nostalgischen Blick in die Arbeitsverhältnisse der damaligen Zeit. Aber nicht nur das geschäftige Treiben der Arbeiter wird dem Zuschauer nähergebracht, sondern auch das Leben der Frauen und Kinder, wie sie zur Schule strömen, den Einkauf erledigen. Auch hier greift Ruttmann auf schon bekannte Elemente zurück, wie die ineinander laufenden Schnitte. Ein weiteres Highlight im Film ist sicherlich die Sequenz in der Mittagspause, da dort das gesellschaftliche Leben kompakt zusammengefasst wird. Man springt von Tisch zu Tisch. Vom einfachen Essen der Arbeiter, zum dekadenten Mahl der Oberschicht. So gibt es teilweise signifikante Unterschiede in der Gesellschaft und Ruttmann zeigt sie auf: einen Mann der Zigarettenstummel sammelt, Kinder die im Dreck spielen, die Armut ist allgegenwärtig. Passend zu diesen gegensätzlichen Szenen gibt es eine Passage im Film, die das Leben in der Großstadt gut widerspiegelt: die Achterbahnfahrt zum Ende des Filmes symbolisiert wunderbar das stetige Auf und Ab in einer Großstadt bzw. im Sein allgemein. Dazu passen auch die eingestreuten Sequenzen vom Selbstmord der Frau, wobei man hier doch davon ausgehen kann, dass diese Szene gestellt sei. Ein Indiz ist sicher der starke close-up auf die Augen, welcher schon expressionistische Züge annimmt und sicherlich nicht so entstanden sein kann, wie die restlichen Aufnahmen. Des Weiteren gibt es noch ein, zwei Einstellungen, die ebenso künstlich gewirkt haben.
Man sollte sich jedoch nicht an solchen Kleinigkeiten hochziehen, da man so das Werk ganz klar abwertet und das hat es nicht verdient. Allein das Herzblut, welches investiert wurde, die eineinhalb Jahre Dreharbeiten, sie zeugen von der Liebe Ruttmanns zu diesem Projekt und verdienen Anerkennung. Natürlich wiederholen sich einige Passagen im Film, aber ist es nicht in der Realität auch so?
Natürlich stellt man sich die Frage, warum eigentlich Berlin, da der Film eigentlich genauso gut hätte in Paris, London oder New York gedreht werden können. Doch da liegt der große Reiz in diesem Werk, da „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ ein Film über jede der genannten Großstädte sein könnte, weil sie nach dem gleichen Prinzip funktionieren und am Leben gehalten werden. Es ist die allgemeine Faszination an diesen Schmelztiegeln, seinen Bewohnern, seinen Mechanismen, die diesen Film und die Städte so interessant machen. Verpackt in eine ansprechende musikalische Untermalung, dürfte sich dieses Stück lebendige Geschichte in den Herzen von Filmliebhabern festsetzen.
Wenn sich dann der Film, also auch der Tag, dem Ende neigt, und man die Menschen beim abendlichen Tanzen, Speisen und Genießen des Lebens, beobachtet, so möchte man meinen, dass der Tag wohl nie enden würde. Doch dann kommen einem die Anfangsszenen ins Gedächtnis und man weiß, dass auch die Stadt bald zur Ruhe kommt und ihren verdienten Schlaf erhält, damit es am nächsten Tag wieder vom Neuen losgehen kann.

Sicherlich ist dies kein einfacher Film, da er von seinem Zuschauer Aufmerksamkeit und bei einigen vielleicht auch Durchhaltevermögen fordert, doch man wird nicht enttäuscht und wenn man die Chance hat diesen Film zu sehen, dann sollte man diese auch ergreifen. 09/10

Freitag, Oktober 03, 2008

The Cocoanuts

Aller Anfang ist bekanntlich schwer und in diesem Fall in zweierlei Hinsicht, da ich mit The Cocoanuts nicht nur meine "Classic Corner" einweihe, sondern weil dieser Film auch das erste Werk der Marx Brothers repräsentiert, welches in den Lichtspielhäusern gezeigt wurde. Zum besseren Verständnis sollte man wissen, dass die vier Brüder - in späteren Filmen ist es dann nur noch ein Trio - in den 20er Jahren schon auf der Theaterbühne große Erfolge feiern konnten und sie so zu Broadwaygrößen avancierten.
In dem Zusammenhang ist es dann auch nicht ganz so verwunderlich, dass The Cocoanuts und der nachfolgende Animal Crackers Portierungen ihrer Bühnenshows waren. Speziell beim Erstgenannten fällt dies insofern stark ins Gewicht, als dass hier das Szenenschema des Theaters ganz klar beibehalten wird, nach jeder Einstellung wird ab- und aufgeblendet und zwischen den einzelnen Szenen gibt es keine Übergänge. Ansich kein großes Hindernis, denn die einzelnen Stärken der Marx Brothers kommen auch so zur Geltung: Genaugenommen gibt es Harpo Marx, der nie ein Wort spricht und in der Manier der großen Slapstickgrößen wie Keaton oder Chaplin die Lacher auf seiner Seite hat, bisweilen aber die Harfe spielt oder mit seiner Tröte für Töne sorgt. Daneben gibt es noch Chico, markant mit seinem Spitzhut und dem italienischen Akzent und natürlich den einzigartigen Groucho, der mit seiner Zigarre und dem falschen Schnauzbart unverkennbar ist und, spätestens beim Öffnen des Mundes, für seine Wortgewandtheit gefürchtet wird, denn wie ein Maschinengewehr lässt er die Silben ab und formt sie zu Angriffen auf die Lachmuskeln. Man könnte meinen, allen für Groucho habe man den Tonfilm erfunden. Dass der vierte im Bunde Zeppo nur eine Randfigur gespielt hat, zieht sich dann auch wie ein roter Faden durch alle restlichen Filme, bis er schließlich die Schauspielkarriere an den Nagel gehängt hat und ins Management des verbliebenen Trios gewechselt ist.
Schaut man sich nun aber The Cocoanuts an, der von der Story nicht gerade allzu gewieft ist, handelt er von einem Hotelier - verkörpert durch Groucho - der den Boom in Florida ausnutzen will, um seine Grundstücke an die solvente Kundschaft zu bringen und auch nicht vor dem Einsatz unlauterer Mittel in Form von Harpo und Chico zurückschreckt und obendrein auch noch in einen Juwelendiebstahl in seinem Hotel verwickelt wird, merkt man an einigen Stellen, dass der erste Film noch unausgereift wirkt.
Die Marx Brothers selbst haben damals die Schuld auf die beiden Regisseure geschoben, die zum Teil von Komödie keine Ahnung hatten oder nicht einmal korrekt Englisch sprechen konnte. Es wird gesagt, sie wollten sogar das Master kaufen, um es anschließend zu verbrennen...
So schlimm ist das Endprodukt dann nicht geworden aber man kann erahnen, was den Brüdern gestunken hat. Für einen Film mit den Marx Brothers sind eben jene nicht so oft im Bilde, bleibt die Geschichte doch auch oft bei den anderen Protagonisten hängen und so zeugt schon die Eröffnungssequenz von diesem Manko, da der Zuschauer erst einen schönen Establishing Shot des Strandes in Florida - bzw. des Paramount Filmstudios - zu sehen bekommt, gefolgt von einer gesungenen Liebeserklärung eines frisch verliebten Paares, die zwar im Laufe der Geschichte noch eine Rolle rund um den Diebstahl der Juwelen spielen aber eben nicht zu den titelgebenden Figuren gehören. Erst nach dem Ständchen bekommt man endlich Groucho zu sehen.
Hier stimmt einfach die Balance noch nicht und die Brüder können ihre Stärken noch zu selten ausspielen. Dass sie zu den ganz Großen ihrer Zunft gehörten, beweisen sie aber schon mit der Jagd durch die beiden Zimmer der Damen oder Grouchos Erörterung des Planes für Chico, was in dem kongenialen Runninggag "viaduct - why a duck?" endet und der haarsträubenden Versteigerung der Grundstücke.
Was wiederum negativ auffällt sind die Musicalnummern, die in ihrer Anzahl und Dauer eher lästig und deplatziert wirken, da auch sie den Fluss des Filmes stören und auch nicht an jene Klassiker heranreichen, für die das Genre bekannt wurde. Man kann fast meinen, dass Paramount, angesichts der Tatsache, in Ton drehen zu können, etwas zu viel in den ersten Marx Brothers-Film stecken wollte. Übrigens sollte man einmal darauf achten, dass alle Papiere triefend nass waren, damit das Rascheln die fragile Tontechnik des Jahres 29 nicht beeinflusst. Damals war das Filmemachen eben noch etwas einfacher und trotz der Macken hier und dort, bekommt der Film noch seine 6,5/10 Punkte.