Sonntag, Februar 11, 2007

Aus dem Leben eines Cinephilen...


... ein Blick auf den Chronograph verrät es: 05:05 Uhr, Sonntag, der 11.02.07. Zeit aufzubrechen. Nach dem Zwiebelprinzip hülle ich mich in diverse Kleidungslagen, um dann wie die Inkarnation des Michelinmännchens auszusehen. Mit meiner heißen Mütze hätte ich aber mindestens auch einen tollen Einbrecher gemacht. So nur noch schnell in die Schuhe rein, die Tür hinter sich zugezogen, der Bus kommt ja schon um 05:19. Doch was ist das? Alles Abtasten der Jacken-, Hosen-, oder sonstigen Taschen blieb erfolglos. Habe ich mich wirklich ausgesperrt? Meine einzige Hoffnung: Die Haustür nicht verschlossen... Negativ. Also Handy rausgeholt, meine Mutter wachgeklingelt, die dann ihrem Sohnemann reichlich schlaftrunken die Schlüssel herausgegeben hat. Ein böses Omen für den weiteren Verlauf meiner Mission? Egal, das Ziel fest vor Augen verlies ich das heimische Gefilde hinaus ins Schneetreiben. Bei -6°C Außentemperatur und einem Windchill, der sibirisches Klima vorgaukelt, kamen mir schon die ersten Zweifel und Fragen, warum ich diesen Scheiß mache, wo ich doch in meinem gemütlichen Bett schlafen könnte. Aber ein Mann muss tun, was ein Mann zu tun hat und so bewegte ich mich unaufhaltsam hin zum Wartehäuschen.
Einen Vorteil hat das frühe Aufbrechen schon. Es scheint niemand unterwegs zu sein und der schlafende Riese Berlin wirkt unschuldig und verletzlich. Aber halt, ich sollte mich geirrt habe, denn im Bus da waren sie, die letzten Nachtschwärmer auf der Heimreise. Die Gesichter sprachen Bände, von feuchtfröhlichen Feiern und Liebesnächten, Freude, Spaß und Erbrechen. Mit letzter Kraft hielt man sich auf den Beinen und philosophierte rhetorisch perfekt über das Sexualleben ihrer Bekanntinnen, wer denn noch Jungfrau sei. Ich kam mir irgendwie fremd vor: Nicht betrunken und doch noch reichlich tabsig auf den Beinen und mit jeder weiteren Station füllte sich das Nahverkehrstransportmittel mit weiteren Geschöpfen der Nacht. Es wäre ein Leichtes gewesen, hier und jetzt ein holdes weibliches Wesen in seinen Bann zu ziehen, doch ich war zu Höherem berufen. Mein Umsteigebahnhof war erreicht und schnell war auch der Bahnsteig erklommen. Doch die nun folgenden Minuten waren sicherlich die längsten des gesammten Sonntages: Der Wind pfiff durch das Vordach und ich erstarrte zu einem menschlichen Eisblock. Ich hatte mich schon damit angefreundet, der nächste Ötzi zu werden, da rollten sie herein die Bahn, pünktlich und mit jeder Menge Sitzplätzen. Wenn das doch immer so wäre. Nun hieß es wachzubleiben, Herr über die Müdigkeit zu sein. Andernorts war der Kampf entschieden, die Protagonisten in fremden Sphären. Wie ein leuchtender Wurm schlängelte sich der Zug durch die Berliner Innenstadt, die Leuchtreklame hell am Strahlen und hier und da war auch schon eine Wohnung beleuchtet. Vielleicht war es eine meiner Busbekanntschaften, die gerade in richtig Bett torkelt.... hmmm.... Bett. Aber ich blieb standhaft. Noch einmal musste ich umsteigen und zu meiner Verwunderung war hier schon etwas mehr los. Konkurrenzgefühle stiegen in mir auf. Ob die wohl auch das gleiche Ziel wie ich haben mögen?
Endlich da. Erneut hinaus in die Kälte. Die Hintertür, mit der man vom Bahnhof direkt in die Arkaden kommen kann, verschlossen, so hatte es den Anschein, also raus und rum um den Block, samt einmal verlaufen. Kostbare Zeit verloren? Ein Platz weiter hinten in der Schlange? Vielleicht. Um kurz nach 6 war ich dann dort und nicht nur ich, mindestens 20 nicht weniger kranke Vögel haben schon ihr Quartier, alle nicht minder müde und doch liegt eine Stimmung von Hysterie in der Luft. Nummer 3 in der Schlange, noch gute Chancen auf Premierenkarten aber noch vier Stunden, die todzuschlagen sind. Die Arkaden nur spärlich beleuchtet, manch einer noch eine Mütze schlaf tankend, stand ich unter Ihnen, die allesamt vom Virus Film befallen sind. Die Thermosflachen gut gefüllt, nippte man an seinem Heißgetränk und schnell bildeten sich kleine Grüppchen, die Zweckgemeinschafteten gründeten. Wir waren ja alle im gleichen Boot. Ist es nicht schön unter Gleichgesinnten zu sein? Schon bald begann das Fachsimpeln und auch ich schloss mich mit Leuten meiner Altersklasse kurz, die hier schon seit fast 4 Uhr am warten waren. So verging die erste Stunde fast wie im Flug, was auch sicherlich an der Müdigkeit gelegen hat. Gegen 7 kam Bewegung in die Sache, man machte immerhin das Licht in den Arkaden an und die ersten Putztrupps bahnten sich ihren Weg durch die Hallen. Argwöhnisch wurde sie betrachtet, die Spezies Filmverrückter, die sich hier am Sonntagmorgen tummelt. Mal sitzend, mal stehend versuchte ich mich mit dem Gelände zu arrangieren. Man hat zwar bei der Bundeswehr beigebracht bekommen, wie man sich im Feld am Leben halten kann, doch auf solch eine Situation wurde man nicht vorbereitet. Endlich kam Versträkung für mich, sogar in weiblicher Form und damit hatte ich nicht gerechnet. Anstelle von Frank, unserem Filmclubleiter, tauchte seine weibliche Geheimwaffe, Filmclubmitglied und ehemalige Mitschülerin meines Semesters auf. Ob er wohl meint, die Waffen der Frauen würden beim Kampf um die Karten im Vorteil sein? Er jedenfalls hat das Hauptquartier vor dem Rechner besetzt. Mit solch sympathischer Gesellschaft schien auch die zweite Stunde ein Leichtes zu sein. Draußen dämmerte es dann langsam und die Schlange vor den Kassenhäuschen wuchs allmählich an. Es zahlte sich aus, auf Schlaf verzichtet zu haben. Nichtsdestotrotz ersehnte ich mir mein Bett her und ich freute mich, irgendwann gegen 10 Uhr wieder die Heimreise antreten zu dürfen. Eigentlich wollte ich ja gemütlich ein Buch lesen aber die Hummeln in meinem Hintern haben es verhindert. Ich habe bestimmt fünfmal die Arkaden abgelaufen, mir die Nase an den Schaufenstern plattgedrückt, mir Dessous, Schmuck, Zeitungen und Schuhe von außen angeschaut, während meine zwei Begleiter, inzwischen ist auch der gute Jay eingetrudelt, die Stellung gehalten und unseren Platz in der Reihe verteidigt haben. Immerhin waren meine Erkundungstouren nicht vollkommen sinnlos, habe ich doch die Toiletten entdeckt. Entdeckt ist in diesem Zusammenhang auch der richtige Wortlaut, sollte man sich doch frühzeitig entscheiden, dass die Blase drückt, denn für spontane Pinkelanfälle hätte man einen olympiareifen Sprint hinlegen müssen. Gut zweieinhalb Stunden vorbei und in der Magengegend machte sich eine gewisse Leere bereit. Zeit für ein Frühstück. Und wo geht man als gemeiner Filmfreak zu dieser Zeit speisen? Genau, zu McDonalds und sich erst einmal einen Big Mäc reingezogen. Irgendwie hatte ich den aber wesentlich größer in Erinnerung. Es geht doch nichts über nen richtigen Whopper, aber in der Not frisst ja auch der Teufel fliegen. Nach unserem oppulenten Mahl startete ich zu einem erneuten Verdauungsspaziergang, denn das Sprechen fiel mir inzwischen schwer, dauernd verhaspelte ich mich. Jaja, die Müdigkeit ist unberechenbar. Inzwischen haben sich immer mehr Menschen eingefunden, bewaffnet mit Berlinale Programm und anderen Utensilien, um die Zeit bis zum Verkaufsstart zu überbrücken. Welch ein erhabenes Gefühl an der langen Schlange vorbei zu seiner Position an der Spitze zu tänzeln. Gegen 09:30, nach weiteren Kilomtern in den Arkaden und der Gewissheit, alle Spitzenhöschen gesehen und Arbeitskräfte mit Vornahmen zu kennen, kam Unruhe unter den Wartenden auf. Nur noch 30 Minuten und die Positionskämpfe begonnen. Zwielichtige Geschäfte wurden beschlossen, kaufst du mir, so kauf ich dir und auch ich war bereit das Kassenhäuschen zu erstürmen, koste es was es wolle. Die Jalousien gingen hoch, die ersten Karten wechselten den Besitzer und langsam machte sich Unsicherheit breit, ob man noch Premierentickets erhalten würde. Spätestens als der Vordermann eine lange Liste mit Vorstellungen vorlas, sah ich meine Fälle davonschwimmen, doch, endlich waren wir dran und, es gab noch welche. Stolz wie Oskar hielten wir sie dann in der Hand, nach 4 Stunden warten und fast 24 Stunden auf den Beinen, die ersehnten Tickets zur Premiere von 300. Die Rückreise selbst erlebte ich nur noch schemenhaft, zu groß war die Sehnsucht nach meinem Bett und endlich zu Hause angekommen, empfingen mich meine grad aufgestandenen Eltern mit einem ausgiebigen Frühstück, nach dessen Verzehrung ich mich auch erst einmal in mein Bett verkrochen habe. Ja, so verbringen Cinephile ihren Sonntag. Wär ja auch langweilig, wenn man "normal" wäre.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wozu der Aufstand? Ich habe nur Shane gefragt, ob er mir welche mitbringt. Bruhahaha!

Frankies Filmecke hat gesagt…

Sieht man sich dann also ggf. am Mittwoch?

Anonym hat gesagt…

Nein, ich wollte eigentlich auch am Mittwoch da sein, muss aber leider nun auf Donnerstag ausweichen, weil ich den McClane mitnehme und der nicht anders kann.